Der Druck aus Washington mit seinem sattsam bekannten Echo aus Europa hat gewirkt, Mubarak musste am Freitag seine Schlägerbanden zurückhalten, die tags zuvor das Blut der tapferen Demonstranten vergossen hatten. Das Militär stellte sich erst zwischen die Fronten auf Kairos Tahrir-Platz, dann vor die Demonstranten. Unterdessen werden wir von den großen Medien in grotesker Weise durch den Kakao gezogen.
Die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) muss hier wieder als schlechtes Beispiel herhalten - aber FAZ, ARD und ZDF verschaukeln ihr Publikum wahrscheinlich insgesamt kaum weniger.
Da wundert sich ein Autor (pdf), der immer wieder einmal neben der Sache berichtet: „Seit Beginn des Aufstands aber fehlt der Opposition eine Führungsfigur, ein Gesicht, eine Stimme. Eine Person, die die Massen führt und deren Wortführer am Verhandlungstisch ist.“
O, ja? Was glaubt so ein gut dotierter Gewohnheitsbeschöniger, was unser feiner Mubarak mit seinem US-trainierten Folter-Chef Suleiman wohl in den letzten 30 Jahren mit jeder Führungsfigur oder größeren Gruppe gemacht hat, die den Kopf aus der Masse hob? Das muss uns dann die junge welt (pdf) nahebringen. Aber näher untersuchen kann „jw“ die Oppositionsszene offenbar auch nicht. Konsequenz (zurück zur SZ): „Die Opposition wirkt zersplittert“.
Und dann beginnt wieder das Sandstreuen in deutsche Leseraugen: „Niemand weiß, wie stark der Einfluss der demokratischen Kräfte ist.“ Nun: vielleicht mindestens so viele, wie bei uns gegen den Afghanistankrieg sind - also 70-80%? Und wie groß ist unser Einfluss? Verdientermaßen nahe Null, denn von nix kommt nix. Aber in Ägypten ist die Lage so mies, dass der Topf explodiert, wenn sich der Druck auf dem Deckel lockert. Das erfahren wir wieder aus der jungen welt (pdf). Aber wer den Druck gelockert hat - und wie das vonstatten ging: weitgehend Fehlanzeige, das erfahren wir nicht.
Und weiter: „Niemand weiß, welche Rolle die im Kern unpolitische (!! - Anm. CRH) Jugendbewegung spielt, die den Aufstand ausgelöst hat und bis heute organisiert.“ Unpolitisch? Vielleicht macht es ja mehr Spaß, sich erschießen, steinigen oder zumindest verprügeln zu lassen, so als „Unpolitischer“, mehr Spaß als zum Beispiel abends mit Freunden „auf die Piste zu gehen“? Vielleicht ist das alles nur ein Jux? Laut SZ zumindest?
Und dann geht‘s richtig los: natürlich wegen der Muslimbrüder. Die sind ohnehin jetzt schon als Verlierer vorgesehen, deswegen tun alle großen Medien so, als wüssten sie nichts darüber. Im gleichen Beitrag heißt es also:
- „Und vor allem: Niemand weiß, wie groß der Einfluss der islamistischen Muslimbrüder ist.“
- „Vor allem müssen sich die Muslimbrüder erklären. Denen misstrauen das Regime und die internationale Staatengemeinschaft. Doch auch die Brüder legen sich nicht fest...“
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-„Die Fundamentalisten, gut organisiert und populär, stehen davor, offiziell anerkannter Teil der Politik zu werden. Doch ihre eigenen politischen Ziele geben die Islamisten nicht preis.“
Schrecklich. Da hängt man nun ein ganzes Journalisten-Leben an den Fersen diese ekligen Muslimbrüder und bekommt doch einfach nicht heraus, was die eigentlich wollen?? Das ist ja geradezu tragisch, nicht wahr? Da kann so ein armer, hart arbeitender Journalist im Dienste der Wahrheitsfindung schon in Depression verfallen.
Oder war das nicht seit 30 Jahren die Chefradaktion mit ihren tollen Vorgaben, denen man selbstverständlich im Interesse fortgesetzter Zusammenarbeit stets und vorauseilend Folge leistete? Jedenfalls eines ist sicher: Der Leser soll nicht erfahren, was die Muslimbrüder wollen - und deswegen tun wir als Journalisten den Teufel, einfach mal anzurufen und nachzufragen. Ein kleiner Tip: Wie wäre es mit einem islamischen Staat? Oder etwas pro-arabischer Israel-Politik? Oder mehr Unabhängigkeit von Washington? Das immerhin ist ja vereinzelt zu lesen. Aber dann fehlen leider sämtliche weitergehenden Einzelheiten.
Aber da werden wir eben bei der „jungen welt“ auch nicht wirklich fündig. SZ weiter:
„Sollte Mubarak abtreten, könnte die Opposition sich schnell als handlungsunfähig erweisen: Was will sie? Wie will sie nach einem möglichen Sieg die Mubarak-treuen Ägypter integrieren? Bis heute hat die Opposition kein Programm, keine konkrete Vorstellung für die Zeit danach präsentiert. Was für ein Staat soll Ägypten sein? Demokratisch, islamistisch, spätmarxistisch, nationalistisch? Die Konzentration auf den Sturz Mubaraks gibt der Bewegung kurzfristig ihre überraschende Kraft, langfristig aber schafft sie ein politisches Vakuum.“
Ja, Herr Journalist, warum stellen Sie denn ausgerechnet dem deutschen Leser diese vielen Fragen, wo Sie doch oft genug selbst in Kairo sind? Wenn sich „die Opposition“ als handlungsunfähig erweist, dann deshalb, weil Washington & Co. dort hineinregieren, dass es nur so kracht - übrigens genau wie bei uns. Und das „politische Vakuum“, Entschuldigung, das wurde dabei doch schon längst gefüllt. Just eben in den letzten Tagen, als berühmte Top-Analysten die USA schon als „sterbenden Schwan“ besangen.
Und weil wir dummen Leser alles fünfmal brauchen, echot Autor Nr. 2 auf der gleichen SZ-Seite (pdf): „Vor allem müssen sich die Muslimbrüder erklären. Denen misstrauen das Regime und die internationale Staatengemeinschaft. Doch auch die Brüder legen sich nicht fest: „Wir sind bereit zu Gesprächen mit jedem, der bereit zu Reformen ist – nach dem Abgang dieses Ungerechten, dieses Korrupten, dieses Tyrannen“, so Mohammed Badie, der Führer der Bruderschaft.“
Besonders würzig ist aber der Kommentar dieses Autors zum neuen „Vizepräsidenten“ Suleiman: „Von Hosni Mubarak unterscheidet ihn, dass er schon immer fand, die Muslimbrüder müssten ins System des Landes eingebunden werden.“
Wie dürfen wir das nun wieder verstehen? Der gleiche Mann, der die Muslimbrüder foltern ließ, war eigentlich immer dafür, sie an der Macht zu beteiligen? Dürfen wir da irgendwann noch eine Erklärung erwarten?
„Die Muslimbrüder, in deren junger Generation es zur Zusammenarbeit bereite Pragmatiker gibt, wollen offenbar ihre Führungsriege nicht vorzeitig abnutzen. Sie halten sich bei den Debatten um mögliche Präsidentschaftskandidaten zurück.“ Wunderschön formuliert, unnachahmbar: „abnutzen“. Darf das ins Deutsche übersetzt werden? Hier einige Vorschläge:
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-Elektroschocks = Vibratormassage
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-herausgerissene Fingernägel = Maniküre von Staats wegen und durch staatlich geprüftes Fachpersonal
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-Auftragsmord = evtl: Ohrläppchen stechen
Wesentlich klarer ist da schon, was die New York Times (pdf) berichtet: „Mr. Suleiman, a former military officer, appears to share power with two close allies, Field Marshal Mohamed Tantawi, the defense minister, and Ahmed Shafiq, the prime minister, a retired general who previously ran the country’s national airline, said Abdel Moneim Qattou, a retired Army general close to all three.“ Nur Militärs! Das hätte ja den Vorteil, dass sie alle in den USA ausgebildet wurden - und damit bestimmt zuverlässig wären! Und die Sache mit dem Airline-Chef, die führt hoffentlich für die Autoren zum kostenlosen upgrade. Für die Zeitung ist das jedenfalls ein downgrade.
Da wirkt dann die Aussage unseres relativ weniger „zuverlässigen“ Außenministers Westerwelle, die politische Zukunft sei allein Sache der Ägypter, fast wie eine Warnung an den großen Verbündeten: „Wer den Prozess des Wandels gestaltet, ist ausschließlich Sache des ägyptischen Volkes. Wer Ägypten führt, wird in Ägypten entschieden.“ In die gleiche Kerbe schlägt der Leiter des aus Westerwelles Ministerium bezahlten „think tank“ SWP, Perthes (pdf). Weil aber der Text zu tolerant gegenüber den Moslembrüdern war und ihnen explizit eine angemessene Machtteilhabe zugestand, musste offenbar der Schlussredakteur ‘ran und die sachlich unpassende, politisch jedoch vorgegebene, Überschrift: „Keine Macht den Islamisten“ aufpfropfen.
Kurz: Wer Ägypten führt wird eben nicht in Ägypten entschieden - und ist eben nicht Sache des ägyptischen Volkes, das erkennt sogar in feinem Ton die Tagesschau (heute 20 Uhr, Beitrag zur „Sicherheits“konferenz von Christian Tiels). Woran das wohl auch liegen könnte? Richtig: Israel (pdf).
Und ob es uns nun passt oder nicht: Die Moslembruderschaft ist die am besten organisierte und sachlich kohärenteste Oppositionskraft im Lande - und der größte einzelne Machtblock der Opposition. Sie kann es sich folglich leisten, in Ruhe abzuwarten, wohin die Reise geht, ohne die aufopferungsvolle Oppositionsarbeit aus jahrzehntelanger, brutaler, blutiger Unterdrückung zu gefährden. Und dass mich keiner missversteht: Es ist nicht entscheidend, ob jemand die Bruderschaft „gut findet“ oder nicht, sondern vielmehr, dass diese Oppositionskraft auf der Grundlage jahrzehntelanger Opfer und großen sozialen Einsatzes sowie stetig beeindruckender Wahlerfolge eine kaum unerschütterliche Glaubwürdigkeit mitbringt, mit oder ohne westliches Plazet. So dass sich folgerichtig formulieren ließe: Eine neue Regierung ohne Beteiligung der Moslembrüder ist nach korrekten demokratischen Spielregeln nicht glaubwürdig. Und „der Fall Moslembruderschaft“ ist ja nur ein Beispiel dafür, dass der tatsächliche, real vorhandenen Wille des Volkes in unseren westlichen Hauptstädten wenig gilt.
Da greifen wir doch als großes Medium zu bewährten Ablenkungsmittelchen - und reden mal wieder über:
1.: das „Versagen der Geheimdienste“ (pdf). Erinnert sich der geneigte Leser an diese dreiste Lüge aus den Tagen von 9/11, die seither ebenso gebetsmühlenartig wiederholt und debattiert wird wie die Mähr von der Schuld des bösen Osama bin Laden an diesem Massenmord? Und dies ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als die Dienste Nato-weit ihren Großeinsatz soeben geleistet hatten?
2.: die tragende Rolle der Frauen (pdf). Immer beliebt, erspart jegliche gedankliche Anstrengung oder politisches Engagement. Alles ist gut, wir sind definitiv erleichtert. Wenn nur den öffentlich-rechtlichen Talkshows der Quark nicht ausgeht.
Und schließlich ist auf das seltsame Spielchen um den am 31. Januar ernannten Sondergesandten Frank G. Wisner einzugehen, der plötzlich, statt wie offiziell beauftragt, Mubarak zum raschen Rücktritt zu bewegen, den Diktator übergangsweise im Amt halten wollte. Die FAZ hatte am 4. nur Belangloses mitzuteilen. Wikipedia weiß es besser (pdf): Die Lobbyfirma Patton Boggs, bei der Wisner Partner war und immer noch „Advisor“ ist, hat (pdf) Lobby-Dienste für Ägypten (also für Mubarak) geleistet. Wisner war außerdem Aufsichtsrat der größten ägyptischen Bank, Commercial International Bank Egypt SAE. Irgendwer oder irgendetwas hat Obama und Clinton „auf einen nassen Lappen gesetzt“. Wisner war und ist offenbar völlig ungeeignet für den Job: Er hat sich ohne weitere Rückmeldung bei seiner Regierung plötzlich in laufender Debatte (Münchner „Sicherheits“konferenz) für seine Lobbyarbeit entschieden. Sein Vater war ein altes Schlachtross des CIA-Vorläufers. Auch da könnte ein wichtiger Schlüssel liegen: In der CIA gibt es immer noch zu viele „Bush-Männer“. Die jüngsten Zwischenwahlen haben diese innerbetriebliche Opposition zweifellos ermutigt.
Warum die FAZ uns die Kleinigkeiten über Wisner vorenthielt - das weiß der liebe Himmel.
Ich liebe es.